Festungen
Swinemünde, Westpommern
Das Fort Gerhard (Fort Gerharda) in Swinemünde (Świnoujście) gehört zu den am besten erhaltenen preußischen Küstenforts des 19. Jahrhunderts in Europa – und ist ein „lebendiges Museum“, in dem Geschichte gespielt statt nur gezeigt wird. Es steht am Ostufer der Swine im Stadtteil Warszów auf der Insel Wollin (Wolin), direkt neben dem höchsten Leuchtturm Polens. Die Führung ist als preußische Rekrutenausbildung inszeniert, geleitet von einem uniformierten Ausbilder – ein Erlebnis für Erwachsene und Kinder.
Swinemünde liegt unmittelbar an der Grenze zu den Usedomer Kaiserbädern; von Berlin bist du mit dem Auto in rund drei Stunden da, von Stettin (Szczecin) sind es etwa 100 km. Mit der Usedomer Bäderbahn erreichst du das Stadtzentrum auch ohne Auto. Das Fort liegt auf dem Ostufer, Innenstadt und Strand auf dem Westufer.
Das Fort Gerhard, auch Ostfort oder Werk II genannt, war eines von vier Werken der preußischen Festung Swinemünde. Auslöser war der Schleswig-Holsteinische Krieg 1848: Ein dänisches Kriegsschiff blockierte damals monatelang die Swine und legte den Hafenhandel lahm. Das Fort entstand 1848–1859 auf fünfeckigem Grundriss mit Erdwällen, Graben, Kaponnieren und einem mächtigen zweigeschossigen Reduit in der Kehle. Benannt ist es nach Gerhard Cornelius von Walrave, einem preußischen Festungsbaumeister des 18. Jahrhunderts, der frühe Pläne für den Hafen entwarf.
1876–1877 wurde das Fort – finanziert aus französischen Reparationen nach dem Krieg 1870/71 – mit der benachbarten Küstenbatterie zu einer Anlage verbunden. Es entstand ein neuer, über 800 m langer Graben, auf den Geschützterrassen standen Krupp-Kanonen: vier im Kaliber 15 cm und sieben im Kaliber 21 cm. Das Reduit wurde zur Kaserne umgebaut; um 1900 kamen Telegrafenleitung und Feldbahn hinzu.
Nach dem Ersten Weltkrieg nutzte die Marine das Fort, nach 1945 die Rote Armee. 1962 ging es an die Stadt, die es lange als Lager verwendete. 2001 pachteten es Liebhaber lebendiger Geschichte; seit 2010 hat hier das Museum der Küstenverteidigung seinen Sitz, für Besucher ist das Fort seit August 2011 geöffnet.
Seit dem 13. April 2023 ist die einzige Zufahrt (ul. Ku Morzu) wegen der Schutzzone um das LNG-Terminal gesperrt; das Museum weist darauf hin, dass das Fort derzeit nicht über Land erreichbar ist. Du fährst stattdessen mit Adler-Schiffe ab dem Anleger an der ul. Wybrzeże Władysława IV im Zentrum (Halt auch am Fähranleger Bielik in Warszów). Vom 1. April bis 31. Oktober 2026 legen die Schiffe stündlich zwischen 9:30 und 17:30 Uhr ab, zurück geht es stündlich von 10:00 bis 18:00 Uhr.
Ja – besonders mit Kindern oder wenn du Militärgeschichte mit Augenzwinkern magst. Laut Museum haben schon wenige Monate alte Babys an der „Ausbildung“ teilgenommen, und für Menschen mit eingeschränkter Mobilität wird die Route angepasst. Kostenlose Toiletten gibt es vor Ort. Mit Schiffsfahrt und Leuchtturm solltest du 3–4 Stunden einplanen. Feste Schuhe und eine Jacke für die kühlen Kasematten sind sinnvoll. Ob eine Führung auf Deutsch möglich ist, fragst du am besten vorab beim Museum.
In der Nähe: Der Leuchtturm Swinemünde (67,7 m, 308 Stufen) steht nur wenige hundert Meter entfernt und ist im Kombiticket enthalten. Dasselbe Museum betreibt die Unterirdische Stadt auf Wollin, einen Bunkerkomplex aus dem Kalten Krieg keine 5 km entfernt. Auf dem Westufer lassen sich die beiden anderen erhaltenen Werke der Festung, die Engelsburg (Fort Anioła) und das Westfort (Fort Zachodni), gut am selben Tag besuchen.
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Geprüft: Oktober 2026