Historische Orte
Posen, Großpolen
Dieser kleine Pavillon am Bahnhof Poznań Główny wurde für Kaiser Wilhelm II. gebaut – in die Geschichte ging er aber durch einen ganz anderen Gast ein. Am 26. Dezember 1918 jubelten hier Menschenmassen dem Pianisten und Politiker Ignacy Jan Paderewski zu, und am nächsten Tag brach in Posen der Großpolnische Aufstand gegen die deutsche Herrschaft aus. Heute halten am restaurierten Sommerbahnhof, dem früheren Kaiserbahnhof, ganz normale Regionalzüge.
Ein erster Bahnhof für den Kaiser entstand 1902, seine heutige Gestalt erhielt er 1913, kurz vor dem dritten Besuch Wilhelms II. in Posen. Laut dem städtischen Portal poznan.pl war der Berliner Architekt Stendel der Baumeister. Der Pavillon misst etwa 15 × 10 m; innen lagen ein kaiserlicher Salon mit Eichenvertäfelung, Spiegeln, Ahornmöbeln und einem Kronleuchter mit 60 Glühbirnen sowie ein Gästezimmer und eine Toilette. Der angrenzende Bahnsteig ist rund 300 m lang.
1913 wurden hier zuerst die Kinder des Kaisers und Kaiserin Auguste Viktoria empfangen, danach Wilhelm II. selbst. Fünf Jahre später traf Paderewski mit seiner Frau Helena und Mitgliedern der britischen Mission von Oberst Wade ein. Seine Ankunft entfachte patriotische Stimmung und gab den Anstoß zum Aufstand. In der Zwischenkriegszeit blieb der Bahnhof repräsentativ – empfangen wurden hier unter anderem Józef Piłsudski und Präsident Stanisław Wojciechowski.
Zwischen den Weltkriegen fuhren von diesem Bahnsteig Züge in die Sommerfrischen rund um Posen, etwa nach Osowa Góra, Promno und Puszczykowo. Daher stammt der Name, der bis heute geblieben ist.
Im Rahmen ihres Programms zur Revitalisierung von Bahnhöfen ließ die Bahngesellschaft PKP S.A. das Gebäude für 6,5 Mio. PLN sanieren: Die ursprüngliche Form wurde wiederhergestellt, der Bahnsteig umgebaut und das Dach erneuert. Am 31. August 2011 wurde der Bahnhof wiedereröffnet, ab Oktober übernahm ihn die Regionalbahn Koleje Wielkopolskie. Der historische Bahnsteig trägt heute die Nummer 9 (früher 4b).
Gebäude und Bahnsteig sind in 15–20 Minuten angeschaut, ein Ticket brauchen Sie nicht – es ist aber ein aktiver Bahnhof, also halten Sie sich an die Beschilderung und betreten Sie keine Gleise. Die kaiserlichen Innenräume sind nicht regulär zugänglich. Wenn möglich, kommen Sie am 26. Dezember: Die Nachstellung mit Dampfzug zeigt den Bahnhof in Aktion, lockt aber viele Zuschauer – seien Sie früh da. Der Bahnhof liegt zwischen dem Kaponiera-Kreisel und dem Hauptgebäude, direkt neben dem Gelände der Posener Messe, und passt gut in einen Spaziergang auf den Spuren des Aufstands von 1918.
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